Tiermedizin in Zahlen

Visite 2 · Post 32: Zwei Drittel weniger Antibiotika

Antibiotika in der Tierhaltung: 562 Tonnen, minus 67 Prozent

2024 gaben Pharmaunternehmen und Großhändler in Deutschland 562,1 Tonnen Antibiotika an Tierärztinnen und Tierärzte ab, laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). 2011, im ersten Jahr der Erfassung, waren es 1.705,7 Tonnen, rund dreimal so viel: ein Rückgang um 67 Prozent. Den Verbrauch auf den Höfen erhebt eine zweite Stelle: 2023 meldeten Betriebe mit Rindern, Schweinen, Hühnern und Puten 478 Tonnen (Bundesinstitut für Risikobewertung).

Stand 26. Oktober 2026 · von Thomas Freimoser · auf LinkedIn seit 22. Oktober 2026

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Das Wichtigste in Kürze

Wie sich die Wirkstoffklassen entwickelt haben

JahrGesamtPenicillineTetracyclineSulfonamideMakrolidePolypeptideAminoglykoside
20111.705,7527,9564,4184,9173,1127,347,1
20131.451,6473,2454,4152,2126,0124,739,4
2015805,3299,4220,572,652,581,824,7
2018722,4271,2178,563,358,773,629,5
2021600,6235,0125,063,546,551,330,2
2023528,5205,9104,357,151,133,535,9
2024562,1222,2112,762,052,931,036,9

Tonnen Wirkstoff (Grundsubstanz), BVL-Abgabemengenerfassung. Die Gesamtmenge enthält auch kleinere und aus Geheimhaltungsgründen nicht einzeln ausgewiesene Klassen.

Der Einbruch 2015 fällt mit dem Antibiotika-Minimierungskonzept zusammen, das mit der 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes 2014 in Kraft trat: Mastbetriebe melden seitdem, wie oft sie behandeln, und werden miteinander verglichen. Am stärksten sanken die Wirkstoffe, die vor allem über Futter und Wasser an ganze Bestände gehen, Tetracycline, Sulfonamide und Makrolide.

Warum weniger Antibiotika gut ist

Jeder Einsatz von Antibiotika gibt Bakterien, die dagegen widerstandsfähig sind, einen Vorteil. Je mehr Antibiotika im Stall, desto mehr resistente Keime – und die bleiben nicht im Stall: Über Fleisch, über den Kontakt zu Tieren und über Gülle und Abwasser können sie zum Menschen gelangen. Wird ein Antibiotikum unwirksam, fehlt es bei Tier und Mensch. Deshalb gelten Tiermedizin und Humanmedizin hier als ein gemeinsames Problem („One Health“).

Dass weniger Einsatz tatsächlich wirkt, zeigt das Resistenz-Monitoring an Schlachttieren: Bei E. coli aus Mastschweinen ist die Resistenz gegen Tetracyclin, Sulfamethoxazol, Trimethoprim und Cefotaxim seit 2015 signifikant gesunken, gegen keinen der untersuchten Wirkstoffe ist sie gestiegen (Bundesinstitut für Risikobewertung, Bericht 2023). Gegen Ampicillin, ein Penicillin, sank sie nicht – obwohl auch Penicilline weniger eingesetzt werden.

Das Ziel ist noch nicht erreicht. Die EU will den Verkauf von Antibiotika für Nutztiere bis 2030 gegenüber 2018 halbieren, Deutschland hat dieses Ziel übernommen. Gemessen an den Tonnen des BVL liegt Deutschland 2024 bei minus 22 Prozent gegenüber 2018 (722,4 auf 562,1 Tonnen, berechnet; die EU misst in Milligramm je Kilogramm Tiergewicht, das Ergebnis kann davon abweichen).

Die kritischen Wirkstoffe

Für die Humanmedizin besonders wichtig sind Fluorchinolone, Cephalosporine der 3. und 4. Generation und Colistin. Die Fluorchinolone stiegen bis 2014 auf 12,3 Tonnen und liegen 2024 bei 5,3 Tonnen. Die Cephalosporine der 3. Generation fielen von 2,3 Tonnen (2017) auf 1,3 Tonnen im Jahr 2018, als die geänderte Hausapothekenverordnung vor ihrem Einsatz ein Antibiogramm vorschrieb; 2024 waren es 0,7 Tonnen. Die der 4. Generation sanken von 1,4 auf 0,2 Tonnen.

Wie viel davon bei welchem Tier ankommt, zeigt der Verbrauch, den die Betriebe selbst melden. 2023 waren das 478 Tonnen bei Rind, Schwein, Huhn und Pute, mit derselben Rangfolge: Penicilline 214, Tetracycline 93, Makrolide 47, Sulfonamide 35, Polypeptide 30 und Aminoglykoside 29 Tonnen. Den größten Teil verbrauchen Mastschweine. Wer diese Bestände betreut, wird weniger: Die reinen Nutztierpraxen sanken seit 2019 um 19 Prozent, mehr dazu im Artikel Die Großtierpraxis wird zur Pferdepraxis.

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Was die Zahl nicht sagt

Häufige Fragen

Wie viel Antibiotika wird in der Tierhaltung eingesetzt?

2024 wurden 562,1 Tonnen Antibiotika an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland abgegeben. Der von Betrieben mit Rindern, Schweinen, Hühnern und Puten gemeldete Verbrauch lag 2023 bei 478 Tonnen.

Ist der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung gesunken?

Ja, um zwei Drittel seit 2011. Am stärksten von 2014 auf 2015. Seit 2023 steigt die gemeldete Menge wieder leicht, teils wegen der erweiterten Meldepflicht.

Warum soll in der Tierhaltung weniger Antibiotika eingesetzt werden?

Weil jeder Einsatz resistente Bakterien fördert, die auch Menschen erreichen können. Bei Mastschweinen sind die Resistenzen von E. coli gegen mehrere Wirkstoffe seit 2015 signifikant gesunken, seit weniger Antibiotika eingesetzt werden.

Welche Reserveantibiotika werden in der Tiermedizin eingesetzt?

Vor allem Fluorchinolone (2024: 5,3 Tonnen), Cephalosporine der 3. und 4. Generation (0,7 und 0,2 Tonnen) und Colistin (Polypeptide, 31,0 Tonnen). Für Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. und 4. Generation schreibt die Hausapothekenverordnung seit 2018 vor dem Einsatz ein Antibiogramm vor.

Quelle und Methode

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Abgabemengenerfassung, veröffentlicht im Deutschen Tierärzteblatt 11/2025, Tab. 2, abgerufen am 21. Oktober 2026, 2011 bis 2024. Verbrauch: Bundesinstitut für Risikobewertung, Antibiotika-Verbrauchsmengen und Therapiehäufigkeit 2023, abgerufen am 21. Oktober 2026. Humanmedizin: Umweltbundesamt, abgerufen am 21. Oktober 2026. Ziel der EU: Farm-to-Fork-Strategie der Europäischen Kommission (2020), minus 50 Prozent bis 2030 gegenüber 2018. Berechnet sind die Veränderungen in Prozent. Den Umsatz mit Antiinfektiva im Tierarzneimittelmarkt zeigt der Beitrag Tierarzneimittel nach Tierart. Mehr unter Datenherkunft.