Nachfolge in der Tierarztpraxis: wer übernimmt?
In den Tierarztpraxen arbeiten heute 81 Prozent mehr Tierärztinnen und Tierärzte ab 60 als 2016, rund 5.100 statt 2.800. Jede fünfte Tierärztin oder jeder fünfte Tierarzt in der Praxis ist damit 60 oder älter (21,8 Prozent), 2016 war es jede siebte (14,1 Prozent). Laut Tierärzte Atlas 2026 müssen in den nächsten zehn Jahren mindestens 3.000, eher 5.000 Praxen eine Nachfolge finden. Übernommen werden heute rund 100 Praxen im Jahr. Die Altersanteile sind aus der Statistik der Bundestierärztekammer berechnet, die Nachfolgezahlen stammen aus dem Atlas.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Zahl der Tierärztinnen und Tierärzte ab 60 in den Praxen stieg seit 2016 um 81 Prozent, von rund 2.800 auf 5.100 (hochgerechnet). Unter 40 sind es 21 Prozent mehr, zwischen 40 und 59 sind es 2 Prozent weniger.
- Ihr Anteil stieg von 14,1 Prozent (2016) auf 21,8 Prozent (2025).
- Die Gruppe zwischen 40 und 59 schrumpfte von 54,1 auf 45,4 Prozent, der Anteil unter 40 blieb bei rund 31 bis 33 Prozent.
- 2025 waren 1.024 praktizierende Tierärztinnen und Tierärzte 70 Jahre oder älter.
- Nach einer Sonderauswertung von fünf Tierärztekammern sind 49 Prozent der Praxisinhaber älter als 55 Jahre (Tierärzte Atlas 2026).
- Von den rund 200 Neuniederlassungen im Jahr ist etwa die Hälfte eine Übernahme. Gebraucht würden drei- bis fünfmal so viele.
Wie sich das Alter in der Praxis verschiebt
Die Grafik oben zeigt, wie stark jede Altersgruppe seit 2016 gewachsen ist. Dafür ist ihr Anteil aus der Altersstatistik der Kammer mit der Zahl aller Tierärztinnen und Tierärzte in Praxen multipliziert, die die Kammer vollständig zählt (Inhaber und Angestellte). Ab 60 waren es 2016 rund 2.800, 2025 rund 5.100. Unter 40 stieg die Zahl von 6.300 auf 7.600, zwischen 40 und 59 sank sie leicht von 10.800 auf 10.600. Die Gruppe, aus der Praxisinhaber traditionell kommen, wächst also nicht mit.
Dieselben Daten als Anteile:
| Jahr | unter 40 | 40 bis 59 | 60 und älter | Praktiker mit Altersangabe | nicht enthalten |
|---|---|---|---|---|---|
| 2016 | 31,8 % | 54,1 % | 14,1 % | 16.430 | Bayern |
| 2018 | 31,8 % | 52,6 % | 15,7 % | 17.177 | Bayern |
| 2019 | 30,9 % | 51,0 % | 18,1 % | 19.446 | Westfalen-Lippe |
| 2020 | 30,8 % | 50,6 % | 18,6 % | – | gerechnet |
| 2021 | 30,7 % | 50,2 % | 19,1 % | 21.165 | – |
| 2023 | 32,3 % | 47,5 % | 20,2 % | 23.084 | – |
| 2025 | 32,8 % | 45,4 % | 21,8 % | 23.546 | – |
Anteile der Altersgruppen an allen Praktikerinnen und Praktikern der Kammerstatistik mit Altersangabe, berechnet. 2020 enthält der Bericht keine Altersstruktur, der Wert liegt linear zwischen 2019 und 2021.
Am deutlichsten ist der Wandel in den Jahren, in denen alle Kammern Altersdaten melden. Von 2021 bis 2025 stieg die Zahl der Praktikerinnen und Praktiker ab 60 von 4.036 auf 5.143, ein Plus von 27 Prozent, während die Gesamtzahl um 11 Prozent wuchs. Die Zahl der über 70-Jährigen in der Praxis stieg im selben Zeitraum von 724 auf 1.024.
Vor 2021 fehlt in der Tabelle jeweils eine Kammer, bis 2018 Bayern, 2019 Westfalen-Lippe. Absolute Zahlen sind deshalb nicht über alle Jahre vergleichbar, Anteile schon eher. Der Sprung von 2018 auf 2019 fällt genau mit dem Wechsel der fehlenden Kammer zusammen und kann teilweise daher kommen.
Was der Tierärzte Atlas dazu sagt
Die Kammerstatistik trennt das Alter nicht nach Inhabern und Angestellten. Darauf weist auch der Tierärzte Atlas Deutschland 2026 hin, den der Dessauer Zukunftskreis am 25. September 2026 veröffentlicht hat. Er stützt sich deshalb auf eine Sonderauswertung von fünf Tierärztekammern: Dort sind 49 Prozent der Niedergelassenen älter als 55 Jahre.
Daraus leitet der Atlas ab, dass in den nächsten zehn Jahren mindestens 3.000, eher 5.000 Tierarztpraxen eine Nachfolge finden müssen. Dem stehen rund 200 Neuniederlassungen im Jahr gegenüber, von denen nur etwa die Hälfte Übernahmen sind; rund 88 Prozent der Neuniederlassungen sind bis zum Alter von 45 Jahren abgeschlossen. Ende 2025 zählt der Atlas rund 9.700 Tierarztpraxen, etwa die Hälfte davon Ein-Tierarzt-Praxen ohne angestellte Tierärztinnen und Tierärzte.
Die Rechnung hinter der Nachfolgelücke
3.000 bis 5.000 Praxen in zehn Jahren sind 300 bis 500 Übernahmen pro Jahr. Heute sind es rund 100, die Hälfte von etwa 200 Neuniederlassungen. Gebraucht würden also drei- bis fünfmal so viele Übernahmen wie heute. Die Rechnung ist grob: Nicht jede Praxis eines 60-Jährigen wird übergeben, manche schließen, andere gehen in einer größeren Praxis auf.
Zugleich sinkt die Zahl der Praxisinhaber seit Jahren. Den Höchststand erreichte sie 2019 mit 12.019, Ende 2025 waren es 11.216, also 803 weniger. Seit 2024 arbeiten in den Praxen mehr angestellte Tierärztinnen und Tierärzte als Inhaber, wie der Artikel Wie viele Tierärzte gibt es in Deutschland? zeigt. Einen Teil der Übernahmen leisten Praxisgruppen; wem sie gehören, steht im Artikel Tierarztketten und Investoren. Wie viele Praxen ohne Nachfolge schließen, erfasst keine Statistik.
Für die Versorgung zählen dabei nicht nur Köpfe. Inhaber arbeiten im Mittel rund 50 Stunden pro Woche, Angestellte deutlich weniger, wie der Artikel Überstunden in der Tierarztpraxis zeigt. Was Angestellte dabei verdienen, steht im Artikel Gehalt Tierarzt. Warum es trotz steigender Kopfzahlen einen gefühlten Mangel gibt, erklärt der Artikel Tierarztmangel in Deutschland.
Was die Zahl nicht sagt
- Praktiker sind nicht Inhaber. Die Altersanteile gelten für alle Tierärztinnen und Tierärzte in Praxen, Inhaber, Angestellte und Praxisvertretungen zusammen.
- Wechselnde Abdeckung. Bis 2018 fehlt Bayern, 2019 Westfalen-Lippe; 2020 ist gerechnet. Die Hochrechnung auf alle Praktiker unterstellt für die fehlende Kammer dieselbe Altersverteilung wie im übrigen Land; der steile Abschnitt 2018/2019 fällt mit dem Wechsel der fehlenden Kammer zusammen.
- Die 49 Prozent stammen aus fünf Kammern, nicht aus ganz Deutschland.
- 3.000 bis 5.000 ist eine Ableitung des Tierärzte Atlas, keine Zählung von Praxen, die einen Nachfolger suchen.
- Alter ist nicht Ruhestand. Über 1.000 Tierärztinnen und Tierärzte über 70 arbeiten noch in der Praxis.
Häufige Fragen
Wie viele Tierarztpraxen suchen eine Nachfolge?
Eine Zählung gibt es nicht. Der Tierärzte Atlas 2026 schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren mindestens 3.000, eher 5.000 Praxen eine Nachfolge finden müssen. Heute werden rund 100 Praxen im Jahr übernommen.
Wie alt sind Tierärzte in Deutschland?
Von den praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzten waren Ende 2025 32,8 Prozent jünger als 40, 45,4 Prozent zwischen 40 und 59 und 21,8 Prozent 60 oder älter. Nach einer Sonderauswertung von fünf Kammern sind 49 Prozent der Praxisinhaber älter als 55.
Wie viele Tierarztpraxen gibt es in Deutschland?
Der Tierärzte Atlas 2026 nennt rund 9.700 Tierarztpraxen. Etwa die Hälfte sind Ein-Tierarzt-Praxen, in denen die Inhaberin oder der Inhaber ohne tierärztliche Angestellte arbeitet.
Quelle und Methode
- Bundestierärztekammer: Statistik der Tierärzteschaft, Jahresberichte 2016 bis 2025, Tabelle „Altersstruktur nach Tätigkeit“, Zeile Praktiker, jeweils Stand 31. Dezember. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
- Dessauer Zukunftskreis: Tierärzte Atlas Deutschland 2026, Seiten 42 und 43. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
Berechnet sind alle Anteile (Altersgruppe geteilt durch alle Praktiker mit Altersangabe), die hochgerechneten Zahlen (Anteil mal Inhaber plus Angestellte in Praxen laut Kammerstatistik) und ihre Veränderung seit 2016, das Jahr 2020 (linear zwischen 2019 und 2021) und die Zahl der Übernahmen pro Jahr (die Hälfte von rund 200 Neuniederlassungen). Die Tabellen sind aus den PDF-Berichten ausgelesen und Spalte für Spalte gegen die Summenzeile geprüft; 2018 ist eine leere Zelle aus Summe minus übrige Tätigkeiten ergänzt. Mehr unter Datenherkunft.